Stimmen gegen die Angst Syndikalistische Artikel, Kommentare, Kultur aus dem Osten
Syndikalistische Artikel, Kommentare, Kultur aus dem Osten

Anarchosyndikalismus und Tierleid

Erstveröffentlichung im Magazin „Circle-A“ 2018

Dieser Artikel kann es nicht leisten auf die Vielzahl von ethischen, philosophischen, ökologischen und sozialen Gründen einzugehen deren Konsequenz nur der Verzicht auf Tierprodukte in jeder Form sein kann. Dieser Artikel beleuchtet zunächst die Situation der Arbeitenden in der Tierindustrie und Ansätze syndikalistisch einen Beitrag zur Tierrechtsbewegung zu leisten.

Auch der Mensch leidet an Tierausbeutung

Es sei eingangs noch einmal erwähnt: Die wahren Leittragenden der Tierausbeutung sind eben nicht die Menschen. Allein das Leid der gefangenen, gequälten und ermordeten Tiere sollte völlig ausreichen, diese Industrie zu boykottieren und Alternativen zur Tierausbeutung aufzubauen. Doch auch für die Beschäftigten ist die Tierindustrie gesundheitsschädlich, oft genug mörderisch. Was sie mit den Wesen gemein haben, die sie gefangen halten und töten, ist, dass auch sie von ihren Bossen als Ressource betrachtet werden, deren Leben und Glück unwichtig ist, sofern es dem Profit im Wege steht.

Wer bspw. in einem Schlachtbetrieb arbeitet, verbringt den gesamten Tag oft bis zu den Knöcheln in Blut stehend, bei ohrenbetäubendem Lärm und mit heftiger Akkordarbeit. Die Feuchtigkeit der Böden, die Unberechenbarkeit der Tiere im Todeskampf und das eingesetzte Werkzeug verursachen eine Fülle von schweren Arbeitsunfällen. Laut einem Bundestagsantrag der SPD erlitt im Jahr 2010 jeder 10. Beschäftigte eines Schlachtbetriebs einen Arbeitsunfall. 1) Übrigens: „Biotiere“ werden i.d.R. unter den selben Bedingungen transportiert und geschlachtet wie die aus Massentierhaltung.

Wenig besser sieht es in Mastanlagen aus: Staub, Keime und Gase die durch Massentierhaltung entstehen führen u.a. zu schweren Atemwegserkrankungen, Fortpflanzungsstörungen, Nervenkrankheiten, Krampfanfällen bis hin zu Koma. 2)

Eine andere gesundheitliche Folge ist die psychische Belastung der Beschäftigten, v.a. in den Schlachtbetrieben. Gewalt stellt immer eine psychische Beanspruchung für Menschen dar. Das alltägliche quälen und töten per Hand von tausenden Individuen geht an niemandem spurlos vorbei. So berichten viele Schlachtarbeiter_innen von Traumata, Depressionen, sozialer Unterkühlung, Gewalttätigkeit, Drogenmissbrauch und anderen Folgen ihrer Arbeit die ihr Leben und das ihrer Familien zerstören. 3) Psychische Berufsrisiken in Schlachtbetrieben werden dabei abseits von persönlichen Berichten kaum thematisiert.

Auch wirtschaftlich sieht es für die Kolleg_innen mies aus. In vielen Betrieben sind laut NGG nur noch 10-30% der Arbeitenden als Stammbelegschaft beschäftigt, die restliche Arbeit wird von Leiharbeitenden und Werksvertragler_innen erledigt. Der Mindestlohn wird oft durch illegale Überstunden unterlaufen. NGG-Sprecher_innen reden dabei von 10-20 Stunden-Schichten an bis zu 7 Tagen die Woche. Auch die Nichtzahlung von Zuschlägen und Lohnabzüge für Unterbringung, Arbeitskleidung und Werkzeug sind gängige Mittel zum Lohndumping.

Die meisten Kolleg_innen mit unsicheren Beschäftigungsverhältnissen werden von Subunternehmer_innen aus Osteuropa, v.a. Rumänien mit falschen Versprechungen hergelockt. Auch hier ergibt sich ein erhöhtes Gesundheitsrisiko, weil die Kolleg_innen meist nicht oder nur schlecht ausgebildet sind. Der Beruf ist außerdem meist nicht freiwillig gewählt, was die Anfälligkeit für psychische Schäden erhöht.

Oft verschulden sich die Kolleg_innen schon um zum neuen Arbeitsplatz vermittelt zu werden und zu reisen. In Deutschland angekommen schrumpft das versprochene Gehalt von meist um 1900,-€ durch oben erwähnte Abzüge auf Löhne zwischen 800,- bis 1100,-€ zusammen, z.T. auch noch weniger. Die Kolleg_innen arbeiten im Akkord, so das keine Zeit für Erholung oder gar Aufbegehren bleibt. An Besuche in der Heimat ist bei Gehalt und Arbeitszeiten schon gar nicht zu denken. Sie bleiben isoliert, in maroden Gemeinschaftsunterkünften, z.T. sogar im Wald zusammengepfercht in einem Land deren Sprache sie meist nicht sprechen und dessen Gesetze sie kaum kennen. Dazu kommen nicht selten verbale Drohungen und tatsächliche schwere Angriffe auf Arbeiter_innen die sich beschweren oder Aktionen starten. Betroffene berichten dabei immer wieder über direkte Verbindungen der Subunternehmer_innen zu Mafia- und Rocker-Strukturen.

Was heißt das im Gewerkschaftsalltag?

Gerade weil die eigenen Privilegien gegenüber ausgebeuteten Tieren noch viel selbstverständlicher und naturgegebener erscheinen als andere Herrschaftsideologien, müssen wir den Diskurs mit unseren Mitmenschen darüber mit viel Geduld und Feingefühl pflegen. Die oben beschriebenen Missstände zeigen aber auch auf, dass der Boykott der Tierausbeutungsindustrie und der gewerkschaftliche Kampf aktuell eine Menge Anknüpfungspunkte haben.

Wenn sich Arbeitende der Fleischindustrie hilfesuchend an uns wenden, wird es immer wieder Austausch über die Branche an sich geben. Arbeitskämpfe und Solidarität in der Branche können auch genutzt werden um die allgemeine Kritik an Tierausbeutung zu veröffentlichen. Für viele tierrechtlich überzeugte FAU-Mitglieder ist dies sicher auch eine Vorbedingung um solche Konflikte überhaupt mit zu tragen. Auch arbeiten viele nicht freiwillig in dieser Branche, gut organisierte Syndikate sollten Übersichten über freie Stellen haben und Kolleg_innen den Jobwechsel ermöglichen können.

Bei der derzeitigen Ausgestaltung der Tierindustrie wäre zu erwägen, ob mensch nicht auch aus gewerkschaftlichen Gründen die Forderung radikaler Tierrechtler_innen nach einem konsequenten Angriff und einer militanten Sabotage (wenigstens) der Fleischbetriebe unterstützen kann. Wie dargelegt kann es eine gesundheitlich vertretbare Schlacht-Tätigkeit für die Arbeitenden nicht geben, nur logisch wäre deshalb die Konsequenz gesundheitlich weniger riskante, faire Jobs in der vegetarischen/veganen Nahrungsmittelproduktion zu fordern und zu fördern. Dazu gehört auch der politische Kampf gegen eine Subventionierung der Fleischwirtschaft.

Aber auch in unseren Branchenorganisationen im Einzelhandel, in der Gastronomie oder in den Kantinen unserer sonstigen Betriebe können wir durchaus ein Mindestmaß (oder mehr) an veganem Angebot durchsetzen – ebenso wie wir das auch mit fairen und kollektiven Produkten tun sollten. Oft haben wir direkten Kontakt zu unseren Kund_innen oder Konsumvereinigungen die wir als Werktätige dazu aufrufen können vegan zu konsumieren. Dies alles ist nicht etwa ein Abgleiten in gewerkschaftsferne Themen sondern vielmehr eine ordinär syndikalistische Aufgabe; die Produktion ethischer zu gestalten. Nicht zuletzt sollte die Frage nach einem Ende der Tierausbeutung Gegenstand organisationsinterner Weiterbildung und Diskussion sein und bleiben.

1) Bundestagantrag Drucksache 17/11148
2) Melanie Joy, Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen, 2. Auflage, compassion media, Münster 2013
3) ebd und schlachthof-transparent.org

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