Stimmen gegen die Angst Syndikalistische Artikel, Kommentare, Kultur aus dem Osten
Syndikalistische Artikel, Kommentare, Kultur aus dem Osten

Rezension: Die falschen Freunde der einfachen Leute

Ein Buch über die Haltungen der arbeitenden Klassen und die Krise linker Bewegungen. Erstveröffentlichung September 2020 in der Direkten Aktion.

Mit Robert Misiks Buch „Die falschen Freunde der einfachen Leute“ halten wir ein starkes Buch gegen Spaltungen und Atomisierung unserer aktuellen Gesellschaften in der Hand. In einer Zeit, in der sich innerhalb der Linken aber gesamtgesellschaftlich viele Fraktionen nur noch schreiend und „meinend“ mit gegensätzlichen Haltungen auseinander setzen, hat der Autor tief durchgeatmet und die Faktenlage gesichtet. Heraus kam ein diffenziertes Buch, welches die einfachen und einseitigen Antworten scheut.

Misik widmet sich den Fragen, die seit Jahren linke Diskurse bestimmen: Warum wählt die Arbeiter_innenklasse so oft rechts, wider die eigenen Interessen? Ist die Arbeiter_innenklasse in der Mehrheit rassistisch und sexistisch? Haben linke Bewegungen die Klassenpolitik vernachlässigt und die Mehrzahl der Arbeiter_innen mit Sprach- und Identitätspolitik verjagt?

Das Buch besticht dabei weniger durch ganz große, neue Theorien. Die Stärke des Textes liegt in einer Zusammenfassung der Debatte, einer Verbindung von erstmal gegensätzlich erscheinenden Positionen und dem Auffinden einer differenzierten Haltung. Es erinnert an viele grundsätzliche Erfahrungen, die Organizer_innen sozialer Bewegung schon gesammelt haben dürften, die in aktuellen Flügelkämpfen – auch in syndikalistischen Bewegungen – allerdings all zu oft wieder in Vergesssenheit gerieten. Bei all dem zitiert der Autor eine Vielzahl von Studien zur Untermauerung seiner Thesen und gibt am laufenden Band Hinweise auf spannende Literatur zum Weiterlesen.

Misik vermeidet es dabei, Verhältnisse ins Visier zu nehmen, die ihm nur all zu langfristig änderbar scheinen. So beschreibt er bspw. einen tief ausgeprägten Leistungsethos innerhalb der lohnabhängigen Milieus, das Nachhallen der sozialchauvinistischen Parole: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!“ (zu finden bei: Bibel, Bebel, Hitler, Stalin, Müntefering) – begnügt sich jedoch damit, darzustellen, wie sich die Ausgebeuteten und Unterpriviligierten damit selbst im Weg stehen und zum Spielball der Interessen anderer machen.

Änhlich sieht es bezüglich der Bewertung des Kapitalismus aus: Ausgangspunkt ist für Misik die linke Bewegung wie sie aktuell existiert – und das ist in den hauptsächlich betrachteten Ländern Österreich und Deutschland aktuell keine revolutionäre Linke, mit der als Player unter der Masse der Bevölkerung zu rechnen wäre. Misik versteigt sich daher weder in große Wirtschaftstheorien, noch in revolutionäre Programme. Ihm geht es mehr um Ansprachen, Selbstverständnisse, sozialpsychologische Aspekte im Hier und Jetzt. Unter der heute realexistierenden Linken dürfen sich alle angesprochen fühlen: Der von Abstiegsangst gepackte sozialdemokratische Landtagsabgeordnete, der universitäre Marxlesekreis (so sich dieser für aktuelle politische Vorgänge interessiert), die revolutionäre Pflegekraft, die sich fragt, warum sie sich in alternativen Zentren nie wohl fühlt und dort keine Verbündeten trifft. Selbst für aufgeschlossenere konservative und rechte Arbeiter_innen könnte das Buch einige Aha-Momente bieten und auch den richtigen Ton treffen, gelesen zu werden – und das ist in unserer heutigen Zeit schon eine große Leistung.

Für eine syndikalistische Bewegung sind trotzdem einige Bekräftigungen des eigenen Kurses dabei, beispielsweise wenn der Autor schreibt:

„Aber die allermeisten haben eher das Gefühl, dass ohnehin keine politische Partei – weder die radikalen Rechten, noch die Konservativen, noch die traditionellen Linken – eine Wirtschafts- und Sozialpolitik betreiben würde, die ihren Interessen folgt. … ‚Unter diesen Umständen können kulturelle Themen so bedeutend werden, dass Einkommen und Wahlentscheidung überhaupt keine Korrelation mehr haben‘ …“.

Nach dieser These ist es also v.a. auch der mangelnde Spielraum für wirtschafts- und sozialpolitische Entscheidungen im Kapitalismus, der die Leute veranlasst, sich auf linke oder rechte Identitätspolitik zu fixieren, quasi als übriggebliebener Rest demokratischer Verhandlungsmasse. Daraus folgt dann zweierlei: Eine linke Bewegung, die wieder Massen erreichen will, muss ganz klar die Systemfrage stellen, um eine Wiederaufnahme von Klassenaspekten überhaupt authentisch erscheinen zu lassen. Sie muss aber auch folgerichtig die Bündnisse mit all jenen meiden, die sich als systemtragende „Eliten“ bei der Masse der Bevölkerung bereits als unglaubwürdig disqualifiziert haben – also u.a. den bestehenden linken Parteien, den Zentralgewerkschaften etc.. Diese Thesen bleiben eher impliziert (eingeschlossen), werden dafür aber mit verschiedensten Studien untermauert und um viele weitere Aspekte ergänzt.

Die traumatischen Spuren, die die Verwerfungen von Globalisierung, Privatisierung und Prekarisierung unter den Lohnabhängigen Mitteleuropas in den letzten Jahren hinterlassen haben, hätten dabei einen allgemeinen Konservativismus der arbeitenden Klassen befördert:

„Für die oberen Schichten heißt Wandel, dass du dich weiterentwickelst oder ein Start-Up gründest. Für die Arbeiterklasse heißt Wandel meist, dass du gefeuert wirst.“

Eine revolutionäre Lust am Wandel zu entfachen, wieder eine Begehrlichkeit nach einer besseren Welt, statt einem „Irgend-Wie-Durchkommen“ in einer immer schlechteren Welt zu entfachen und damit, nach dem Autor, erst die Grundlage für gegenseitige Solidarität zu schaffen, das bleibt die wirkliche Herausforderung.

Mit Robert Misiks „Die falschen Freunde der einfachen Leute“ erhalten wir für 14,-€ im Suhrkamp-Verlag ein Buch mit vielfältigen Erklärungsansätzen unserer derzeitigen Misere als radikale Linke, ergänzt um eine tolle Literaturliste. Sprachlich bleibt der Autor dabei, im Gegensatz zu vielen anderen die am Thema arbeiten, auch für Unstudierte lesbar, auch wenn das ein oder andere Wort mal überlesen oder nachgeschlagen werden muss. Das Werk ist ein intelligentes und wohl-begründetes Plädoyer für eine radikale Klassenpolitik, die sich in ihrer Radikalität nicht versteckt, letztlich auch die Identitätspolitik nicht verteufelt aber vielleicht ihren Schwerpunkt wieder verschiebt, hin zu einem solidarischen, argument-basierten Miteinander statt Standpunkt-Theorien und hin zu ökonomisch-struktureller Selbsthilfe statt der auf Abgrenzungs-Gewinn bedachten Sprachpolitik. Es ist eine feurige Rede gegen linke Arroganz, gegen ein Verharren in der eigenen Blase, gegen ein kuscheln mit liberalen Eliten und für tatsächliche gesellschaftliche Veränderung. Damit sollte das Buch in keiner lokalen Basisgewerkschaft und auch auf keinem syndikalistischen Büchertisch fehlen.

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